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Quelle: Stadtteilarchiv Ottensen. Urheberrecht: Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Erbin.

Mottenburger Manifest

Liebe Anwohnerinnen und Anwohner Ottensens

das Kaufhaus Hertie am Altonaer Bahnhof soll im Juni 1990 geschlossen werden. Nach den Plänen der Firma Büll & Liedke tritt an seine Stelle ein Einkaufs- und Vergnügungszentrum, das "Geschäfte des gehobenen Bedarfs" mit Cafes, Restaurants und mehreren Kinos vereint. Schließung und Abriß von Hertie und die gelante Investition von ca. 100 Mio. DM in ein Luxuszentrum haben so starke Auswirkungen auf den Stadtteil, daß seine BewohnerInnen ihre Interessen jetzt kennen und wahrnehmen sollten.

  • Durch die geplanten Kinos und gastronomischen Einrichtungen wird der Verkehr in den ohnehin zugeparkten Straßen Ottensens nich zunehmen. Bis in die Nacht wird die Belästigung der AnwohnerInnen andauern.
  • Hertie will das Kaufhaus in Altona aufgeben, weil der Umsatz pro Fläche bei einem relativ günstigen Warenangebot nicht gewinnträxhtig erscheint. Das macht unsere Befürchtungen hinsichtlich des neuen "Quarrees" zur Gewißheit: die Fläche soll teurer vermietet werden. Nicht nuch AnwohnerInnenm sondern KäuferInnen aus anderen Stadtteilen sollen die steigenden Mieten sichern - statt ins Hanse-Viertel ins Hertie-Quarree!
  • Nicht nur die 300 Beschäftigten des Warenhauses Hertie verlieren ihren Arbeitsplatz. Die Hertie-Passage hätte auch Rückwirkungen auf andere Kaufhäuser und Läden, die Kundschaft verlieren würden, Personall entlassen und vermutlich ebenfalls schließen müssten. Ungeschützte Beschäftigungsverhältnisse ohne betriebliche Vertretungen nähmen noch zu, Nach Beratung mit den Betriebsräten der wichtigsten großen Einzelhandelsbetriebe in Altona stellte die GewerkschaftHandel, Banken und Versicherungen fest, daß das riesige Luxus-Einkaufs- und Vergnügungszentrum "überflüssig und schädlich" ist
  • Durch den Abriß von erhaltenswertem Wohnraum, des Gründerzeithauses in der Großen Rainstraße 40, würde die Zahl der Wohnungen gerade in einer Zeit des Mangels und rasanten Mietanstiegs abnehmen.
  • Der Abrtiß des Kaufhauses Hertie, des Schuhhauses Görtz, des Bunkers auf dem Hertie-Grundstück und mindestens eines angrenzenden Wohnhauses und der Bau des neuen, verkleideten Betongiganten in einer für Ottensen überflüssigen Großbaustelle werden uns mindestens ein Jahr auf die Nerven gehen.
  • Die erreichte Lebensqualität in Ottensen würde der gigantische Konsumtempel auf Dauer und in starken Maße beeinträchtigen:
    • die Mieten in der Umgebung werden noch stärker steigen;
    • weniger gut verdienende Bürgerinnen und Bürger drohen verdrängt zu werden;
    • das Warenangebot zielte bei den hohen Mieten nicht mehr auf die ortsansässige Bevölkerung, sondern kaufkräftigere KundInnen z.B. aus den Elbvororten, die erst anreisen müßten;
    • noch mehr Verkehr müsste sich durch den Stadtteil wälzen.

Dieser Stadtteil hat bereits Erfahrungen mit angeblich verkehrs- und konsumgerechter Planung.
Die Schneisen, die für den Elbtunnel mitten durch Wohngebiete geschlagen werden sollten, scheiterten vor Jahren am Widerstand der AnwohnerInnen und Geldmangel. Die Massen von Automobilen, denen damals Wohnraum und Wohnqualität geopfert werden sollten, werden heute um den Stadtteil herum geleitet und auf Tempo 30 verlangsamt. Die ursprünglich 800, jetzt rund 500 neuen Parkplätze mitten imV Viertel und in der Nähe des Bahnhofs würden alle Ansätze einer Verkehrsentlastung und -beruhigung zunichte machen und das dauernde Verkehrschaos vervollständigen.
Aber die BewohnerInnen werden sich an eine Niederlage erinnern, die kurzsichtig gewinngierige Planer diesem Stadtteil beibrachten: die Bundesbahn ließ den Altonaer Bahnhof abreißen und durch einen Betonklotz ersetzen, der sich in jeder Hinsicht als ungeeignet erwiesen hat. Das Kaufhaus mit Gleisanschluss kann den Fußgängerverkehr nicht bewältigen. Dieses [!] Beispiel warnt uns, daß die Planer und Geschäftemacher rücksichtslos nützliche Bauten und Strukturen zerstören, wenn wir sie nicht daran hindern.

Beim Hertie-Center "Quarree" darf uns gleiches nicht passieren!
Schon jetzt müssen wir deshalb Forderungen stellen, die diesen Plänen Grenzen setzen und die Lebens- und Wohnqualität in Ottensen erhalten.
Umbau und Bebauung des Geländes am Altonaer Bahnhof, im Zentrum des Stadtteils sind keine private Angelegenheit. Sie dürfen nicht bloß den Kalkulatoren privater Verwertung unterworfen sein, weil sie Auswirkungen auf alle AnwohnerInnen haben.

Kein zusätzlicher Autoverkehr in diesem Stadtteil!
d.h. keine Parkplätze für das Einkaufszentrum oder im Bahnhof, sondern Anreise von KundInnen und BesucherInnen mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ziel: Sperrung Ottensens für den Durchgangsverkehr - Reduktion auf den Autoverkehr der AnwohnerInnen und LieferantInnen bei Temp 30 - Ausbau des öffentlichen Personen- und Nahverkehrs.

Keine Verdrängung von AnwohnerInnen durch höhere Mieten und Luxus-Warenangebote!
Planung der Umbauten bei Hertie für die Bedürfnisse und die Geldbeutel der AnwohnerInnen - statt der jetzt vorgesehenen Apartments auf dem Quarree familiengerechte Wohnungen besonders an der Großen Rainstraße - Kindergärten - Geschäfte mit einem gemischten Angebot auch zu geringen Preisen.

Kein Abbau von Arbeitsplätzen, keine ungeschützten Beschäftigungsverhältnisse und kein Arbeitseinsatz auf Abruf!

Aufbau einer öffentlichen Gedenk- und Begegnungsstätte für alle Generationen auf dem Gelände des ehemaligen jüdischen Friedhofes,
über dessen Gräber vor Hertie wir täglich gegangen sind, ohne es zu wissen.

Wir leben, arbeiten kaufen und verkaufen in Mottenburg und wollen nicht, dass die Qualitäten dieses Stadtteils einer Luxussanierung zum Opfer fallen.

Ottensen, Februar 1990


Das "Mottenburger Manifest" tragen gemeinsam als ErstunterzeichnerInnen:

I. Als Institutionen, Initiativen, Parteien und Verbände aus Altona:

Anwohnerinitiative gegen das Hertie-Center; Bürgerinitiative Verkehr-Ottensen (B.I.V.O.); Erwerbslose Frauen Altona (E.F.A.); Berufliche Autonomie für Frauen (BAFF); Stadteilarchiv Ottensen e.V.; Initiative "Eisenbahn statt Autowahn"; Stadtteilplenum Ottensen; Sozialdemokratische Partei Deutschlands, Distrikt Ottensen (SPD); Jungsozialisten in der SPD, Landesverband Hamburg, Kreis Altona, Distrikt Ottensen-Elbvororte (JUSOS); Franziskaner-Kommunität; Kirchenvorstand der Christiansgemeinde Ottensen (Christianskirche); Kirchenvorstand der Osterkirchengemeinde Ottensen (Osterkirche); Verein für stadtteilbezogene Kultur- und Sozialarbeit Motte; Grün Alternative Liste Altona (GAL); Bund Deutscher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (B.D.P.); Industriegewerkschaft Metall, Verwaltungsstelle Hamburg - Regionaler Aktionsausschuß Altona/West (IG Metall); Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV).

II. Als Einzelpersonen aus Altona / Ottensen:

Rolf Köpke (Distriktsvorsitzender der SPD Altona-Altstadt); Mathias Barthke (Distriktsvorsitzender der SPD Altona-Nord); R.A. Olaf Scholz (Kreisvorstandsmitglied der SPD Kreis Altona); Pfarrer Hermann J. Lentze, Pastor Axel Braun; Pastor M. Behrens, Pfarrer Romanus Lawetzki, Rolf Lutzke (Mitglied des Kirchenkreisvorstandes Altona); Sabine Braun (Osterkirche); Sabine Schmidt (Christianskirche); Armin Bellendorf; Beate Berg (Freundeskreis des kurischen Volkes); Robert Jarowoy (Betriebsratsvorsitzender, HBV); Gisela Walk (HDW- und Metall-Arbeitslosenzentrum Altona); Jürgen Bönig (AnwohnerInneninitiative gegen das Hertie-Center, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung); Dipl.-Ing. M.U.R.P. (UCT) Klaus P. Scheid (Freier Architekt); Albrecht Barthel, Prof. Dipl.-Ing. Beata Huke-Schubert (Hochschule für Bildende Künste); Viktor Boje, Karin Aßmus (Mieter helfen Mietern); Karsten Scharpff (Mitglied des Kreisvorstandes der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (AFA) der SPD Altona); Martin Below (Mitglied des Landesvorstandes der GAL); Uwe Zabel (IG Metall, Anwohnerinitiative Zeißstraße).

V.i.S.d.P: A. Braun